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„Enorme Zusatzbelastung“

19. September 2022
Straubinger Tagblatt, 09.09.2022

Rund 120 junge Ukrainer besuchen ab nächster Woche die Schulen der Stadt. Die meisten davon gehen auf die Grund- und Mittelschule St. Josef. Ein Gespräch mit dem Schulleiter

Von Sophie Schattenkirchner24 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine waren vergangene Woche in St. Josef angemeldet. Nun sind es schon 30. Allein die schwankenden Zahlen zeigen: Vieles am neuen Schuljahr ist kaum abzuschätzen. Eines steht aber jetzt schon fest: Für Grundschullehrer werde die Situation belastender, sagt Rektor Andreas Wagner. Im vergangenen Schuljahr kamen die Kinder, die gerade erst vor dem Krieg geflohen waren, in der Grundschule in sogenannte Willkommensgruppen. Zufällig seien die Schüler von St. Josef vor allem Erst- und Drittklässler gewesen. Zwei externe Kräfte haben sich nach der großen Pause gezielt um die Deutschkenntnisse der Kinder in den verschiedenen Altersstufen gekümmert, vor der Pause saßen die Ukrainer mit den anderen Kindern in der Regelklasse. „Die Kinder sollten ein Sprachbad erleben und Kontakte zu anderen Grundschülern knüpfen“, erklärt Wagner. Das Bildungsniveau der ukrainischen Schüler sei gut. Dennoch habe es auch Ausnahmen gegeben – wie einen Zwölfjährigen, der noch Analphabet ist. Mit dem Ablauf der Willkommensgruppe sei er sehr zufrieden. Natürlich wäre es noch besser gewesen, wenn eine der beiden externen Kräfte Ukrainisch gesprochen hätte. Doch viele ukrainische Kinder haben Englischkenntnisse und manchmal halfen sogar ältere Schüler, die schon länger in Straubing sind, als Übersetzer aus.Mit Tablets, Kopfhörern und Google-Übersetzer. Die Willkommensgruppen gibt es jetzt nicht mehr. Bayern folge der Empfehlung, die Grundschulkinder in Regelklassen zu integrieren, sagt Wagner. „Eine enorme Zusatzbelastung für die Lehrer.“ Zwar erhalten die Kinder zusätzliche Förderung in Deutsch. Dennoch sei fraglich, wie viele Stunden bei den Kindern faktisch ankommen. Dass eine intensive Deutschförderung mit ausreichend Lehrern stattfinden kann, sei ein Märchen. Die Förderlehrerin beispielsweise sei für alle Kinder an der Schule zuständig, die besonderen Bedarf haben. „Die Hauptaufgabe wird auf die Klassenleiter zukommen. „Für Mittelschulen gab es vergangenes Schuljahr keine Willkommensgruppen. Die bereits bestehende Deutschklasse sei mit 22 Jugendlichen aus verschiedenen Ländern voll gewesen. Blieb also nur die Regelschule. „Wir haben uns ein eigenes Konzept überlegt und im Grunde eine Willkommensgruppe eingeführt“, sagt Wagner. Den Regelunterricht verfolgten die Jugendlichen mit Tablets, Kopfhörern und dem Google-Übersetzer. Lehrerfortbildungen wurden abgehalten, der Stundenplan umgewälzt. Dadurch konnten auch die ukrainischen Mittelschüler bis zur großen Pause im normalen Unterricht dabei sein und bekamen anschließend eine Deutschförderung von der Förderlehrerin und einer Drittkraft. Vereinzelt habe es Probleme mit älteren Schülern gegeben. Diese hätten sich den Lehrern gegenüber provokant verhalten, deutlich gezeigt, dass sie kein Interesse am Unterricht haben. Hinzu komme das Anspruchsdenken mancher Eltern, die beispielsweise eine weit bessere digitale Ausstattung forderten. Da, sagt Wagner, hätte er sich manchmal ein wenig mehr Dankbarkeit gewünscht. „Wir haben immer den Dialog gesucht.“ Genau in solchen Situationen habe sich gezeigt, wie „weh die Sprachbarrieren tun“. Der Fokus liegt auf Deutschkenntnissen. Drei Brückenklassen sind derzeit in der Stadt geplant: am Johannes-Turmair- und am Anton-Bruckner-Gymnasium sowie an der Mittelschule St. Josef. Die Beschulung ist überall gleich: Der Fokus liegt auf Deutsch als Zweitsprache, dann folgen Mathe und Englisch. Außerdem können die Schüler Wahlpflicht- und Wahlfächer belegen. In St. Josef übernehmen den Deutschunterricht für 14 Mittelschüler zwei Frauen – eine aus der Ukraine, eine aus Albanien. „Davon erwarte ich mir einiges, durch die Sprache hat man einen ganz anderen Zugang.“Wagner möchte, dass es den Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine bestmöglich geht. „Der soziale Ansatz“, sagt er, „ist uns sehr wichtig.“

 

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